Gedenkstätte Neuer Börneplatz
Frankfurt am Main

Am Ort Börneplatz erinnert fast nichts mehr daran, dass sich hier über Jahrhunderte hinweg das Zentrum jüdischen Lebens in Frankfurt am Main befand. Der Judenmarkt, die Synagogen, die Judengasse, aus der die Familie Rothschild ebenso der Namensgeber des Platzes, der Schriftsteller Ludwig Börne stammte, sind verschwunden. Zerstörung und Verdrängung, durchaus im räumlichen Sinn, ließen einzig den alten Jüdischen Friedhof zurück.

Da der neue Börneplatz vom Stadtraum weithin abgekoppelt ist, beschlossen die Architekten entgegen den Wettbewerbsvorgaben, den Friedhof in das Zentrum der Gedenkstätte zu rücken: über 11.000 Einzelblöcke mit den Namen der Frankfurter Juden, die zwischen 1933 und 1945 ermordet oder in den Tod getrieben wurden, sind in die Außenseite der Friedhofsmauer eingelassen. Auf den um der Auffindbarkeit willen alphabethisch angeordneten Namensblöcken stehen Namen, Geburts- und Todesdatum sowie der Deportationsort. Die Namen sind nicht vereinheitlicht in einem großen Objekt, sondern individualisiert durch einzelne Stahlblöcke, die jeweils 4 cm hervorstehen, so dass es gemäß dem jüdischen Brauch möglich ist, einen Stein zur Erinnerung abzulegen.

Darüber hinaus bildet die fast 300m lange Friedhofsmauer mit den Namensblöcken einen Weg, der die Gedenkstätte mit dem Stadtraum verknüpft. Die Gedenkstätte wird damit nicht isoliert, gewissermaßen für eine Trauer nach Protokoll, sondern in den städtischen Alltag eingebunden. Die Friedhofsmauer wurde zur Grenze zwischen denen, die im Friedhof beerdigt sind und jenen, die kein Grab gefunden haben. Hinter der mit Altbauten gesäumten Battonnstraße mit Autoverkehr und Passanten auf der Außenseite liegt ein stiller, strenger, fast verboten wirkender Garten auf der Rechneigrabenstraße mit Nachkriegsbehördenbauten. Das seitlich flankierende Verwaltungsgebäude der Stadt und dessen Baugeschichte ist auch eng mit der jüngsten Geschichte Frankfurts verbunden. Als Neu-Frankfurter erinnere ich mich an den Börneplatz-Konflikt, die Bürgerbesetzung der Fundstelle des alten Ghettos. Durch den Aushub für den Neubau kamen damals dessen archäologische Überreste zu Tage, und die Demonstranten wollten den Bauvorgang verhindern.

Bei den damaligen Ausgrabungen wurden viele Steine der ehemaligen Gebäude gefunden, die jedoch bei der archäologischen Rekonstruktion im Museum Judengasse nicht benötigt wurden. Aus dem bestehenden Material der Fenstergesimse, der Treppenstufen und Mauersteine wurde ein Kubus als Form bewusster Ordnung – wie in einem Hochregal zusammengefügt. Dieser Kubus wird umgeben von einem Platanenhain, der vom Frühjahr bis zum späten Herbst dem Besucher ein grünes Dach bietet. Die fünf Straßenschilder funktionieren wie eine Legende und wecken das Interesse für die überaus komplexe Geschichte des Ortes und begründen die jetzige Benennung des Platzes, obwohl der auch ein namenloser sein könnte.

Die Gestaltung von Wandel Lorch Architekten bezeichnet den Bereich zwischen dem Möglichen (dem, was man gerade noch sagen kann) und dem Gegebenen (Material des Ortes) So verstanden liegen Entwurf und Ausführung zwischen der Figur des Architekten und jener des Bricoleurs, der mit den Resten arbeitet. Dies ist eine Praxis, die uns aus der zeitgenössischen Kunst vertraut ist. Hier wurde kein Platz besetzt, sondern in der Frankfurter Innenstadt ein Raum geschaffen, der sowohl Erinnerung ermöglicht als auch Zukunft aufzeigt.

Kasper König