Gedenkort Gleis 17 Grunewald
Berlin

Nach tiefgreifenden historischen Einschnitten wurde einst Vergessen verordnet.
 Nichts weniger als „ewige Vergessenheit und Amnestie“ – oder perpetua oblivio et amnestia wie es im Westfälischen Frieden von 1648 heißt – sollte gelten. Als Grundlage eines dauerhaften Friedens wurden sämtliche Schuldzuschreibungen und Strafmaßnahmen ausgeschlossen. Mit den Ereignissen des 20. Jahrhunderts änderte sich diese Praxis jedoch grundlegend. „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, vor allem der Genozid, sind seit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen von Amnestie ausgeklammert. Aus dem verordneten Vergessen wird auf kultureller Ebene eine Verpflichtung zur Erinnerung. Diese Umkehrung ist gut gemeint, eröffnet aber einige Fragen: Lässt sich Erinnerung festschreiben? Lässt sie sich über die fortschreitende Zeit hinweg aufrechterhalten? Und in welcher Form geschieht dies?
Erinnerung ist angewiesen auf Gedächtnisstützen: Das gesprochene oder geschriebene Wort, Rituale, Monumente. Die Schwierigkeit liegt nun jedoch darin, dass in den Mnemotechniken, die Erinnerung gewährleisten, zugleich das Potential des Vergessens angelegt ist. Die Stützen der Erinnerung sind unzuverlässig. Sie können erstarrte, inhaltsleere Formen annehmen. Sie werden beliebig und austauschbar. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang eine alltägliche Memotechnik, die Heidegger in Sein und Zeit2 beschreibt: Der Knoten im Taschentuch. Der Knoten ist geknüpft an ein Ereignis, das man zu vergessen fürchtet. Als reines Zeichen kann er für eine unendliche Menge von Erinnerungsaufgaben stehen. Doch welche ist jeweils die bezeichnete Aufgabe? Verwirrung ist unter solchen Umständen immer möglich. So kommt es nicht nur vor, dass der Knoten nur für Eingeweihte lesbar ist, sondern auch, dass zum Verständnis des Zeichens weitere Zeichen notwendig werden. Dem Knoten muss also unter Umständen ein weiterer Knoten hinzugefügt werden. Damit verliert das als Zeichen unverwendbare monumentum zwar nicht seinen Zeichencharakter, erhält aber die Aufdringlichkeit eines disponiblen Objekts.